Berthold Brecht: Die Verurteilung des Lukullus

Personen

Lukullusrömischer Feldherr
Sprecher des Totengerichts
Totenrichter
Lehrer
Kurtisane
Bäcker
Fischweib
Bauer
Totenschöffen
König
Königin
zwei Jungfrauenmit einer Tafel
zwei Sklavenmit einer goldenen Götterstatue
zwei Legionäre
Kochdes Lukullus
Kirschbaumträger
Friesgestalten
fahle Stimme
alte Frau
dreifaltige Stimme
zwei Schatten
Ausrufer
zwei junge Mädchen
zwei Kaufleute
zwei Frauen
zwei Plebejer
Kutscher
Chor der Soldaten
Chor der Sklaven
Kinderchor
Stimmen

1. Der Trauerzug

Geräusche einer großen Volksmenge.

Der Ausrufer Hört, der große Lukullus ist gestorben!
Der Feldherr, der den Osten erobert hat
Der sieben Könige gestürzt hat
Der unsere Stadt Rom mit Reichtümern gefüllt hat.
Vor seinem Katafalk
Der von Soldaten getragen wird
Gehen die angesehensten Männer des gewaltigen Rom
Mit verhüllten Gesichtern, neben ihm
Geht ein Philosoph, sein Advokat und sein Leibroß.

Gesang der Soldaten, die den Katafalk tragen
Haltet ihn stetig, haltet ihn schulterhoch!
Dass er nicht schwankt vor den tausenden Augen da
Nunmehr der Herr der östlichen Erde sich
Zu den Schatten begibt. Habet acht, ihr, und stolpert nicht!
Was ihr da tragt aus Fleisch und Metall
Es beherrschte die Welt.

Der Ausrufer
Hinter ihm schleppen sie einen riesigen Fries, der
Seine Taten darstellt und für ein Grabmal bestimmt ist.
Noch einmal
Bewundert das ganze Volk sein wunderbares Leben
Der Siege und Eroberungen
Und erinnert sich seines einstigen Triumphes.

Stimmen
Denkt des Unschlagbaren, denkt des Gewaltigen!
Denkt der Furcht der beiden Asien
Und des Lieblings Romas und der Götter
Als er auf dem goldenen Wagen
Durch die Stadt fuhr, bringend euch die
Fremden Könige und fremde Tiere!
Elefant, Kamel und Panther
Und die Kutschen voll gefangener Damen
Die Bagagekärren, rasselnd mit Gerätschaft
Schiffen, Bildern und Gefäßen
Schön in Elfenbein, ein ganz Korinth voll
Erzner Statuen, durchs tosende
Meer des Volks geschleppt! Denkt des Anblicks!
Denkt der Münzen für die Kinder
Und der Weine und der Würste!
Als er auf dem goldenen Wagen
Durch die Stadt fuhr.
Er, der Unschlagbare, er der Gewaltige
Er, die Furcht der beiden Asien
Liebling der Götter!

Gesang der Sklaven, die den Fries schleppen
Vorsicht ihr, stolpert nicht!
Ihr, die den Fries mit dem Bild des Triumphes schleppt
Wenn auch der Schweiß euch vielleicht in die Augen läuft
Lasst ja die Hand am Stein! Denkt doch, entstürzt er euch
Möcht er in Staub zerfalln.

Junges Mädchen
Sieh den Rothelm! Nein, den Großen!

Anderes Mädchen
Schielt.

Erster Kaufmann
Alle Senatoren!

Zweiter Kaufmann
Und auch alle Schneider!

Erster Kaufmann
Nein, der Mann ist bis nach Indien vorgestoßen!

Zweiter Kraufmann
Hatte aber längst schon ausgespielt.
Meiner Ansicht leider.

Erster Kaufmann
Größer als Pompejus!
Rom war ohne ihn verloren.
Ungeheure Siege!

Zweiter Kraufmann
Meistens Glück!

Erste Frau
Meinen Rëus
Der in Asien umkam, kriege
Ich durch all den Rummel nicht zurück!

Erster Kaufmann
Durch den Mann
Machte mancher ein Vermögen.

Zweite Frau
Meinem Bruder seiner kam auch nicht mehr heim.

Erster Kaufmann
Jeder weiß, was Rom durch ihn gewann!
Allem an Ruhm!

Erste Frau
Wenn sie nicht so lögen
Ginge ihnen keiner auf den Leim.

Erster Kaufmann
Heldentum
Stirbt leider aus.

Erster Plebejer
Wann
Wird man uns mit dem Gewäsch von Ruhm verschonen?

Zweiter Plebejer
In Kappadozien drei Legionen
Hin mit Mann und Maus!

Ein Kutscher
Kann
Ich hier durch?

Zweite Frau
Nein, hier ist abgesperrt.

Erster Plebejer
Wenn wir unsere Feldherren verscharren
Müssen sich die Ochsenkarren
Schon gedulden.

Zweite Frau
Meinen Pulcher haben sie vor das Gericht gezerrt:
Steuerschulden.

Erster Kaufmann
Man kann sagen,
Dass man ohne ihn heut Asien nicht besäße.

Erste Frau
Hat der Thunfisch wieder aufgeschlagen?

Zweite Frau
Auch der Käse

Das Geschrei der Menge schwillt an.

Der Ausrufer
Jetzt
Durchziehen sie den Triumphbogen
Den die Stadt ihrem großen Sohn errichtet hat.
Die Weiber heben die Kinder hoch. Die Berittenen
Drängen die Reihen der Zuschauer zurück.
Die Straße hiner dem Zug liegt verwaist.
Zum letzten Mal
Hat der große Lukullus sie passiert.

Der Lärm der Menge verliert sich und auch der Marschtritt des Zugs.

2 Schneller Ausklang und Rückkehr des Alltags

Der Ausrufer
Der Zug ist verschwunden, nun
Füllt die Straße sich wieder. Aus den verstopften Nebengassen
Treiben die Fuhrleute ihre Ochsenkarren. Die Menge
Wendet sich schwatzend ihren Verrichtungen zu.
Das geschäftige Rom
Geht zurück an die Arbeit.

3 In den Lesebüchern

Kinderchor
In den Lesebüchern
Stehen die Namen der großen Feldherren.
Ihre Schlachten lernt auswendig.
Ihr wunderbares Leben studiert,
Wer ihnen nacheifert.
Ihnen nachzueifern
Aus der Menge sich zu erheben
Ist uns aufgetragen. Unsere Stadt
Ist begierig, einst auch unsere Namen
Auf die Tafeln der Unsterblichen zu schreiben.
Sextus erobert den Pontus,
Und du, Flaccus, eroberst die drei Gallien.
Du aber, Quintillian
überschreitest die Alpen!

4 Das Begräbnis

Der Ausrufer
Draußen, an der Appischen Straße
Steht ein kleiner Bau, vor zehn Jahren gemauert,
Bestimmt den großen Mann
Im Tod zu beherbergen.
Ihm voraus
Biegt der Haufen von Sklaven ein,
Der den Fries des Triumphs schleppt. Dann
Empfängt auch ihn die kleine Rotunde
Mit dem Buchsbaumgestrüpp.

Eine fahle Stimme
Halt, Soldaten!

Der Ausrufer
Kommt eine Stimme von
Jenseits der Mauer.
Sie befiehlt von jetzt ab.

Die fahle Stimme
Kippt das Traggerät! Hinter diese Mauer
Wird keiner getragen. Hinter diese Mauer
Geht jeder selber.

Der Ausrufer
Die Soldaten kippen das Traggerät. Der Feldherr
Steht jetzt aufrecht, ein wenig unsicher.
Der Philosoph will sich zu ihm gesellen
einen weisen Spruch auf den Lippen. Aber …

Die fahle Stimme
Bleib zurück Philosoph! Hinter dieser Mauer
Beschwatzest du keinen.

Der Ausrufer
Sagt die Stimme, die befiehlt dort, und
Darauf tritt der Advokat vor
Seinen Einspruch anzumelden.

Die fahle Stimme
Abgeschlagen.

Der Ausrufer
Sagt die Stimme, die befiehlet dort.
Und dem Feldherrn sagt sie:

Die fahle Stimme
Tritt jetzt in die Pforte!

Der Ausrufer
Und der Feldherr geht zur kleinen Pforte
Bleibt noch einmal stehn, sich umzuschauen,
Und er sieht mit ernstem Auge die Soldaten,
Sieht die Sklaven, die das Bildwerk schleppen
Sieht den Buchsbaum, letztes Grün. Er zögert,
Da die Halle offen steht, dringt Wind ein
Von der Straße.

Ein Windstoß.

Die fahle Stimme
Nimm den Helm ab! Unser Tor ist niedrig.

Der Ausrufer
Und der Feldherr nimmt den schönen Helm ab.
Und tritt ein, gebückt. Aufatmend drängen
Aus der Grabstatt die Soldaten, fröhlich schwatzend.

5 Abschied der Lebenden

Chor der Soldaten
Servus, Lakalles
Wir sind quitt, alter Bock.
Raus aus dem Beinhaus!
Einen heben!
Ruhm ist nicht alles,
Man muss auch leben.
Wer kommt mit?
Unten am Dock
Steht ein Weinhaus.
Du hieltest auch nicht Schritt.
Ich komm mit.
Verlass dich 'drauf.
Und wer zahlt?
Sie schreiben auf.
Wie er strahlt!
Ich geh 'rüber auf den Rindermarkt.
Zu der kleinen Schwarzen? Du, wir kommen mit.
Nein, nicht zu dritt.
Hat sie schon einmal verargt.
Dann
Gehen wir zum Hunderennen.
Mann,
Das kost' Eintritt. – Nicht wenn sie dich kennen.
Ich komm mit.
Also los! Ohne Tritt,
Marsch!

6 Der Empfang

Die fahle Stimme ist die Stimme des Türhüters des Schattenreiches. Sie erzählt jetzt weiter.

Die fahle Stimme
Seit der Neue eingetreten ist,
Steht er neben der Tür, unbeweglich, den Helm unter dem Arm,
Sein eigenes Standbild.
Die anderen Toten, die neu gekommen sind,
Hocken auf der Bank und warten,
Wie sie gewartet dereinst, viele Male
Auf das Glück und auf den Tod
In der Schenke, bis sie ihren Wein erhielten
Und am Brunnen, bis die Geliebte kam,
Und im Gehölz, in der Schlacht, bis der Befehl gegeben wurd'.
Doch der Neue
Scheint das Warten nicht gelernt zu haben.

Lukullus
Was, bei Jupiter,
Soll das bedeuten? Ich stehe und warte hier!
Noch schallt die größte Stadt der Erdkugel wider
Von der Trauer um micht, und hier
Ist niemand, der mich empfängt!
Vor meinem Kriegszelt
Haben sieben Könige auf micht gewartet!
Ist hier keine Ordnung?
Wo steckt zumindest mein Koch Lasus?
Ein Mann, der aus Luft und Luft
Immer noch ein kleines Speislein bäckt!
Hätte man, zum Beispiel, ihn mir entgegen
Geschickt, da er auch ja hier unten weilt
Fühlt ich mich heimischer. – O Lasus!
Dein Lammfleisch mit Lorbeer und Dill!
Kappadozisches Wildpret! Ihr Hummern vom Pontus!
Und ihr phrygischen Kuchen mit den bitteren Beeren!

Stille.

Ich befehle, dass man mich von hier geleitet.

Stille.

Soll ich hier bei diesem Volk stehn?

Stille.

Ich beschwere mich. Zweihundert Schiffe
Eisengepanzert, fünf Legionen
Stießen vor auf meines kleinen Fingers Wink.
Ich beschwere mich.

Stille.

Die fahle Stimme
Keine Antwort, aber auf der Bank der Wartenden
Sagt eine alte Frau:

Wartende alte Frau
Setz dich nieder, Neuer.
Das viele Metall, das du schleppst, der schwere Helm
Und das Brustschild müssen dich doch müde machen.
Also setz dich.

Lukullus schweigt.

Sei nicht trotzig. So lang du hier warten musst,
Kannst du nicht stehn. Vor dir bin ich noch dran.
Wie lange ein Verhör dauert, kann ich nicht sagen.
Es ist auch verständlich, dass die Prüfung genau gemacht wird,
Jedes einzelnen, ob er verurteilt wird,
In den finsteren Hades einzugehen oder
In die Gefilde der Seligen. Manchmal
Ist die Prüfung ganz kurz, den Richtern genügt ein Blick.
“Dieser da”, sagen sie,
“Hat ein unschuldiges Leben geführt und es vermocht,
Seinen Mitmenschen zu nützen”, denn auf den
Nutzen eines Menschen
Geben sie das meiste. Bitte sagen sie zu ihm:
“Geh dich ausruhn.” Freilich, bei anderen
Dauert das Verhör oft Tage, besonders bei denen,
Die hier herunter einen schickten, bevor seines Lebens
Zugemessene Zeit verlaufen war. Der jetzt grad 'drinnen ist,
Wird kaum lang' brauchen. Ein kleiner Bäcker ohne Arg. Was mich betrifft,
Bin ich doch etwas besorgt, jedoch hoffe ich darauf,
Dass unter den Geschworenen drinnen, wie ich höre,
Kleine Leute sind, die ganz genau wissen,
Wie schwer für unsereinen in den kriegerischen Zeiten das Leben ist.
Ich rate dir, Neuer …

Die dreifaltige Stimme unterbrechend:
Tertullia!

Die alte Frau
Man ruft mich.
Du musst eben sehen, wie du durchkommst
Neuer. Setz dich.

Die fahle Stimme
Der neue ist verstockt an der Pforte gestanden,
Aber die Last seiner Ehrenzeichen,
Sein eigenes Gebrüll
Und die freundlichen Worte der Alten haben ihn verändert.
Er sieht sich um, ob er wirklich allein ist. Jetzt
Geht er doch auf die Bank zu.
Aber bevor er sich setzen kann,
Wird er gerufen werden. Den Richtern genügte
Bei der Alten ein Blick.

Die dreifaltige Stimme
Lakalles!

Lukullus
Ich heiße Lukullus. Wisst ihr meinen Namen nicht?
Ich bin aus dem berühmten Geschlecht
Von Staatsmännern und Feldherren. Nur in den Vorstädten,
Den Docks und Soldatenkneipen, in den ungewaschenen Mäulern
Der Ungebildeten und des Abschaums
Heisst mein Name Lakalles.

Die dreifaltige Stimme
Lakalles!

Die fahle Stimme
Und so mehrmals aufgerufen
In der verachteten Sprache der Vorstädte
Meldet sich Lukullus, der Feldherr,
Der den Osten erobert hat,
Der sieben Könige gestürzt hat,
Der die Stadt Rom mit Reichtümern gefüllt hat,
Zu der abendlichen Zeit, da Rom sich über den Gräbern zum Essen setzt
Vor dem höchsten Gericht des Schattenreichs.

7 Wahl des Fürsprechers

Der Sprecher des Totengerichts
Vor dem höchsten Gericht des Schattenreichs
Erscheint der Feldherr Lakalles, der sich Lukullus nennt.
Unter dem Vorsitz des Totenrichters
Führen fünf Schöffen die Untersuchung.
Einer einst ein Bauer,
Einer einst ein Sklave, der Lehrer war,
Eine einst ein Fischweib,
Einer einst ein Bäcker,
Eine einst eine Kurtisane.
Sie sitzen auf einem hohen Gestühl,
Ohne Hände, zu nehmen, und ohne Münder, zu essen,
Unempfindlich für Glanz die lange erloschenen Augen.
Unbestechliche, sie, die Ahnen der Nachwelt.
Der Totenrichter beginnt das Verhör.

Der Totenrichter
Schatte, du sollst verhört werden.
Du sollst Rechenschaft ablegen über dein Leben unter den Menschen.
Ob du ihnen genützt, ob du ihnen geschadet hast,
Ob man dein Gesicht sehen will
In den Gefilden der Seligen.
Du brauchst einen Fürsprecher.
Hast Du einen Fürsprecher in den Gefilden der Seligen?

Lukullus
Ich beantrage, dass der große Alexander von Makedemon gerufen wird.
Dass er zu euch spricht, als Sachverständiger
Über Taten wie die meinen.

Die dreifaltige Stimme ruft in den Gefilden der Seligen aus:
Alexander von Makedemon!

Stille.

Der Sprecher des Totengerichts
Der Gerufene meldet sich nicht.

Die dreifaltige Stimme
In den Gefilden der Seligen
Ist kein Alexander von Makedemon.

Der Totenrichter
Schatte, dein Sachverständiger
Ist unbekannt in den Gefilden der Wohlerinnerten.

Lukullus Was? Der ganz Asien eroberte bis zum Indus,
Der Unvergessliche,
Der seinen Schuh unverkennbar dem Erdball eindrückte,
Der gewaltige Alexander …

Der Totenrichter
Ist nicht bekannt hier.

Stille.

Der Totenrichter
Unglücklicher! Die Namen der Großen
Erwecken keine Furcht mehr hier unten.
Hier
Können sie nicht mehr drohen. Ihre Aussprüche
Gelten als Lügen. Ihre Taten
Werden nicht verzeichnet. Und ihr Ruhm
Ist uns wie ein Rauch, welcher anzeigt,
Dasss ein Feuer gewütet hat.
Schatte, deine Haltung zeigt,
Dass Unternehmungen von Außmaß
Mit deinem Namen verknüpft sind.
Die Unternehmungen
sind nicht bekannt hier.

Lukullus
Dann beantrage ich,
Dass der Fries zu meinem Grabmal,
Auf dem mein Triumphzug dargestellt ist, geholt wird.
Freilich, wie
Soll er geholt werden? Ihn schleppen Sklaven. Sicher
Ist den Lebenden hier
Der Zutritt verwehrt.

Der Totenrichter
Nicht den Sklaven. Sie
Trennt nur so weniges von den Toten.
Von ihnen kann man sagen,
Dass sie nur beinahe leben. Der Schritt von der Welt oben
Herab in das Schattenreich
Ist für sie nur ein kleiner.
Der Fries soll gebracht werden.

8 Herbeischaffen des Frieses

Die fahle Stimme
Immer noch verharren seine Sklaven
An der Mauer, ungewiss.
Wohin mit dem Fries? Bis eine Stimme
Plötzlich durch die Mauer spricht.

Der Sprecher des Totengerichts
Kommt.

Die fahle Stimme
Und sie schleppen
Durch dies eine Wort verwandelt
Nun zu Schatten, ihre Bürde
Durch die Mauer mit dem Buchsbaum

Chor der Sklaven
Aus dem Leben in den Tod
Schleppen wir die Bürde ohne Weig'rung.
Lange schon war uns're Zeit nicht uns're,
Uns'res Weges Ziel uns unbekannt.
Also folgen wir der neuen Stimme
Wie den alten. Warum fragen?
Lassen nichts zurück, erwarten nichts.

Der Sprecher des Totengerichts
Und so gehn sie durch die Mauer
Denn die nichts zurück hält, hält auch
Diese Mauer nicht zurück.
Und sie stellen ihre Bürde
Vor das Oberste Gericht der Schatten,
Jenen Fries mit dem Triumphzug.
Ihr Totenschöffen, betrachtet ihn:
“Einen gefangengen König, traurig blickend;
Eine fremdäugige Königin mit koketten Schenkeln;
Einen Mann mit einem Kirschbäumchen, eine Kirsche verzehrend;
Einen goldenen Gott, von zwei Sklaven getragen, sehr dick;
Zwei Jungfrauen mit einer Tafel, darauf die Namen von 53 Städten;
Einen aufrechten und
Einen sterbenden Legionär, seinen Feldherrn grüßend;
Einen Koch mit einem Fisch.

Der Totenrichter
Sind das deine Zeugen, Schatte?

Lukullus
Das sind sie. Aber wie
Sollen sie reden? Sie sind Steine, sie sind stumm.

Der Totenrichter
Nicht für uns. Sie werden reden.
Seid ihr bereit, ihr steinernen Schatten,
Hier Zeugnis zu geben?

Chor der Friesgestalten
Wir Bilder, bestimmt einst, im Licht zu bleiben,
Die steinernen Schatten versunkener Opfer,
Um oben zu reden und oben zu schweigen.
Wir Bilder, bestimmt einst, die Niedergeworfenen,
Des Atems Beraubten, Verstummten, Vergess'nen,
Im Auftrag des Siegers im Licht zu vertreten,
Sind willig zu schweigen und willig zu reden.

Der Totenrichter
Schatte, die Zeugen deiner Größe
Sind bereit, uns zu berichten.

9 Das Verhör

Sprecher des Totengerichts
Und der Feldherr tritt vor und
Zeigt auf den König.

Lukullus
Hier seht ihr einen, den ich besiegt habe.
In den wenigen Tagen zwischen Neumond und vollem Mond
Habe ich sein Heer geschlagen mit all seinen Streitwagen und Panzerreitern.
In diesen wenigen Tagen
Ist sein Reich zerfallen wie eine Hütte, in die der Blitz fährt.
Als ich auftauchte an seiner Grenze, begann er die Flucht.
Und die wenigen Tage des Krieges
Langten kaum aus für uns beide,
Die andere Grenze seines Reiches zu erreichen.
So kurz dauerte der Feldzug, dass ein Schinken,
Den mein Koch im Rauch mir aufhing,
Noch nicht durchgeräuchtert war, als ich zurück kam.
Und von sieben, die ich schlug, war der nur einer.

Totenrichter
Ist das wahr, König?

Der König
Es ist wahr.

Totenrichter
Eure Fragen, Schöffen:

Sprecher des Totengerichts
Und der Schatte Sklave, der einst Lehrer war,
Beugt sich finster vor und fragt:

Lehrer
Und wie kam das?

König
Wie er sagt: Wir wurden überfallen.
Der Bauer, der sein Heu auflud
Stand noch mit erhobener Gabel, und schon
Wurde sein Wagen, der kaum vollgeladene,
Ihm weggefahren.
Noch war des Bäckers Brotlaib nicht gebacken
Als schon fremde Hände nach ihm griffen.
Alles, was er euch sagt über den Blitz,
Der in eine Hütte fuhr, ist wahr. Die Hütte
Ist zerstört. Hier
Steht der Blitz.

Lehrer
Und von sieben warst du …

König
Nur einer.

Sprecher des Totengerichts
Die Totenschöffen bedenken
Das Zeugnis des Königs.

Stille.

Sprecher des Totengerichts
Und der Schatte, der einst Kurtisane war,
Fragt was:

Kurtisane
Du dort, Königin,
Wie kamst du hierher?

Königin
Als ich einst in Taurion ging
Früh am Tag zum Baden,
Stiegen vom Olivenhang
Fünfzig fremde Männer.
Haben mich besiegt.

Hatt' als Waffe einen Schwamm,
Als Versteck klar Wasser.
Nur ihr Panzer schützte mich
Und nicht allzu lange.
Wurde schnell besiegt.

Schreckensvoll versah ich mich,
Schrie nach meinen Mägden,
Und die Mägde schreckensvoll
Schrieen hinter Sträuchern.
Wurden all bekriegt.

Kurtisane
Und warum gehst du nun hier im Zug?

Königin
Ach, den Sieg zu zeigen.

Kurtisane
Welchen Sieg? Den über dich?

Königin
Und das schöne Taurion.

Kurtisane
Und was nannte er Triumph?

Königin
Dass der König, mein Gemahl,
Nicht mit seinem ganzen Heer
Seine Habe schützen konnte
Vor dem ungeheuren Rom.

Sprecher des Totengerichts
Die Totenschöffen bedenken
Das Zeugnis der Königin.

Stille.

Sprecher des Totengerichts
Und der Totenrichter wendet sich
Zum Feldherren:

Totenrichter
Schatte, wünschst du fortzufahren?

Lukullus
Ja. Ich merke wohl, die Geschlagenen
Haben eine süße Stimme. Jedoch,
Einst war sie rauher. Dieser König da,
Der euer Mitleid fängt, als er noch oben,
War besonders grausam. An Zinsen und Steuer
Nahm er nicht weniger als ich. Die Städte,
Die ich ihm entriss,
Verloren nichts an ihm, aber Rom gewann
53 Städte durch mich.

Zwei Jungfrauen mit einer Tafel
Mit Straßen und Menschen und Häusern,
Mit Tempel und Wasserwerk
Standen wir in der Landschaft, heute
Stehen nur noch die Namen auf dieser Tafel.

Sprecher des Totengerichts
Und der Schatte Schöffe, der einst Bäcker war,
Beugt sich finster vor und fragt:

Bäcker
Warum das?

Die Zwei Jungfrauen
Eines Mittags brach ein Getöse los,
In die Straßen schwemmte da ein Fluss,
Der hatte menschliche Wellen und trug
Unsere Habe hinweg. Am Abend
Zeigte nur noch eine Säule Rauch,
Dass an dem Ort einst eine Stadt war.

Bäcker
Was dann
Führte er weg, der den Fluss schickte und sagt,
Dass er den Römern 53 Städte gab?

Sprecher des Totengerichts
Und die Sklaven, die den goldenen Gott schleppen,
Fangen an zu zittern und schreien:

Sklaven
Uns,
Glückliche einst, nun billiger als Ochsen,
Die Beute zu schleppen, selber Beute.

Die zwei Jungfrauen
Einst die Erbauer
Von 53 Städten, von denen nur
Name und Rauch blieb.

Lukullus
Ja, ich trieb sie weg. Es waren
Zweimal hundertfünfzigtausend.
Einstmals Feinde, doch jetzt nicht mehr Feinde.

Sklaven
Einstmals Menschen, doch jetzt nicht mehr Menschen.

Lukullus
Und mit ihnen trieb ich ihren Gott weg.
Also, dass der Erdkreis unsre Götter
Größer sah als alle andern Götter.

Sklaven
Und der Gott war hochwillkommen,
Denn er war aus Gold und wog zwei Zentner.
Und auch wir sind jeder ein Stück Gold wert
Von der Größe eines Fingerknochens.

Sprecher des Totengerichts
Und der Schatte Schöffe, der einst Bäcker war
In Marsilia, der Stadt am Meer,
Stellt den Antrag:

Bäcker
Also schreiben wir zu deinen Gunsten, Schatte,
Einfach nieder: Brachte Gold nach Rom.

Sprecher des Totengerichts
Die Totenschöffen bedenken
Das Zeugnis der Städte.

Stille.

Totenrichter
Der Verhörte scheint müde,
Ich mache eine Pause.

10 Rom – Noch einmal

Sprecher des Totengerichts
Die Richter entfernen sich.
Der Verhörte setzt sich nieder.
Den Kopf zurückgelehnt, kauert er
Am Türpfosten.
Er ist erschöpft, aber er hört ein
Gespräch hinter der Tür an,
Wo neue Schatten erschienen sind.

Ein Schatte
Ich kam zu Schade durch einen Ochsenkarren.

Lukullus leise
Ochsenkarren.

Der Schatte
Er brachte noch eine Ladung Sand zu einer Baustelle.

Lukullus leise
Baustelle. Sand.

Anderer Schatte
Ist jetzt nicht Essenszeit?

Erster Schatte
Essenszeit? Mein Brot und meine Zwiebel
Hatte ich bei mir. Ich habe kein Zimmer mehr.
Und die Unzahl von Sklaven, die sie aus allen
Himmelsgegenden herbeitrieben,
Haben das Schustergewerbe ruiniert.

Zweiter Schatte
Auch ich war Sklave. Sagen wir: Die Glücklichen
Kommen durch die Unglücklichen ins Unglück.

Lukullus etwas lauter
Ihr da, geht der Wind noch droben?

Zweiter Schatte
Horch, da fragt wer was.

Erster Schatte laut
Ob Wind geht oben? Vielleicht.
Mag sein in den Gärten.
In den stickigen Gassen
Ist er nicht zu bemerken.

11 Das Verhör wird fortgesetzt

Sprecher des Totengerichts
Die Schöffen kehren zurück.
Das Verhör beginnt wieder.
Und der Schatte, einst ein Fischweib,
Sagt was:

Fischweib
Da war von Gold die Rede.
Ich lebte auch in Rom,
Doch ich habe nichts gemerkt von Gold, da wo ich lebte.
Wüßte gern, wo's hinkam.

Lukullus
Welche Frage!
Sollte ich mit meinen Legionen
Ausziehen, einem Fischweib
Einen neuen Schemel zu erbeuten?

Fischweib
Brachtest Du uns sonst nichts auf den Fischmarkt?
Holtest du dir doch vom Fischmarkt etwas:
Unsere Söhne.

Sprecher des Totengerichts
Und die Schöffin
Spricht die Krieger auf dem Fries an:

Fischweib
Sagt, was trieb er mit euch in den beiden Asien?

Erster Legionär
Ich entrann.

Zweiter Legionär
Ich wurde verwundet.

Erster Legionär
Ich schleppte ihn nach.

Zweiter Legionär
Und so fiel er denn auch.

Fischweib
Warum verließest du Rom?

Erster Legionär
Ich habe gehungert.

Zweiter Legionär
Ich holte mir nichts.

Fischweib
Du strecktest die Hand aus.
War's, den Feldherrn zu grüßen?

Zweiter Legionär
Es war, um ihm zu zeigen,
Dass sie noch immer leer war.

Lukullus
Ich lege Verwahrung ein.
Ich beschenkte die Legionäre
Nach jedem Feldzug.

Fischweib
Aber nicht die toten.

Lukullus
Ich lege Verwahrung ein.
Wie sollen den Krieg beurteilen,
Die ihn nicht verstehen.

Fischweib
Ich verstehe ihn. Mein Sohn
Ist im Krieg gefallen.
Ich war Fischweib auf dem Markt am Forum.
Eines Tages hieß es, dass die Schiffe
Der Zurückgekommenen aus dem Asienkriege
Eingelaufen sei'n. Ich lief vom Markte
Und ich stand am Tiber viele Stunden,
Wo sie ausgebootet wurden, und am Abend
Waren alle Schiffe leer. Mein Sohn war
Über die Planken nicht gekommen.
Da es zugig war am Hafen, fiel ich
Nachts in Fieber, und im Fieber suchte
Ich nun meinen Sohn, und tiefer suchend
fror ich mehr, und dann, gestorben, kam ich
Hier ins Schattenreich und suchte weiter.
Faber, rief ich, denn das war sein Name.
Faber, mein Sohn Faber,
Den ich trug und den ich aufzog.
Mein Sohn Faber!
Und ich lief und lief durch die Schatten
und vorbei an den Schatten hin zu Schatten
Faber rufend, bis ein Pförtner drüben
In den Lagern der im Krieg Gefallenen
Mich am Ärmel einhielt und mir sagte:
Alte, hier sind viele Faber. Vieler
Mütter Söhne, viele, sehr vermisste,
Doch die Namen haben sie vergessen,
Dienten nur, sie in das Heer zu reihen
Und sind nicht mehr nötig hier. Und ihren
Müttern wollen sie nicht mehr begegnen,
Seit die sie dem blutigen Kriege ließen.
Und ich stand, am Ärmel eingehalten,
Und mein Rufen blieb mir weg im Gaumen.
Schweigend kehrte ich um, denn ich begehrte nicht mehr,
Meinem Sohn ins Gesicht zu sehn.

Sprecher des Totengerichts
Und der Totenrichter sucht
Die Augen der Schöffen und verkündigt:

Totenrichter
Das Gericht erkennt: Die Mutter des Gefallenen
Versteht den Krieg.

Sprecher des Totengerichts
Die Totenschöffen bendenken
Das Zeugnis der Krieger.

Stille.

Totenrichter
Doch die Schöffin ist erschüttert.
In der schwanken Hand mag ihr die
Waage zittern. Sie benötigt
Eine Pause.

12 Rom – Ein letztes Mal

Sprecher des Totengerichts
Und wieder
Setzt der Verhörte sich nieder und hört
Dem Gespräch der Schatten hinter der Tür zu.
Noch einmal
Dringt von oben, aus jener Welt
Ein Hauch.

Zweiter Schatte
Und warum liefst Du so?

Erster Schatte
Mich zu erkundigen. Es hieß, sie werben Legionäre an
In den Schenken am Tiber, für den Krieg im Westen,
Der jetzt erobert werden soll.
Das Land heißt Gallien.

Zweiter Schatte
Nie gehört davon.

Erster Schatte
Diese Länder kennen nur die Großen.

13 Das Verhör wird fortgesetzt

Sprecher des Totengerichts
Und der Richter lächelt zu der Schöffin,
Ruft den Prüfling und besieht ihn traurig.

Totenrichter
Unsre Zeit entflieht. Du nützt sie nicht.
Erzürne uns lieber nicht weiter mit deinen Triumphen.
Hast Du keine Zeugen
Für irgendeine Schwäche, Mensch?
Deine Sache steht ungünstig. Deine Tugenden
Scheinen wenig nützlich, vielleicht
Ließen deine Schwächen Lücken
In der Kette der Gewalttaten?
Entsinne dich deiner Schwächen
Schatte, ich rate es dir.

Sprecher des Totengerichts
Und der Schöffe, einst ein Bäcker
Fragt was:

Bäcker
Dort seh ich einen Koch mit einem Fisch.
Der sieht lustig aus. Koch,
erzähl uns, wie du in den Triumphzug kamst.

Koch
Nur anzuzeigen,
Dass er beim Kriegsgeschäft noch Zeit fand,
Ein Kochrezept für einen Fisch zu finden.
Ich war sein Koch. Ich gedenke
Der schönen Fleische noch oft,
Des Geflügels und schwarzen Wildprets,
Die er mich braten ließ.
Und saß nicht nur am Tische,
Gab mir ein lobend Wort,
Stand oft bei mir an der Pfanne
Und mischte selbst ein Gericht.
Lammfleisch à la Lukullus
Machte uns're Küche berühmt.
Von Syrien bis nach Pontus
Sprach man von Lukullus' Koch.

Sprecher des Totengerichts
Sprach der Schöffe, der einst
Lehrer war:

Lehrer
Was soll uns das, dass er gerne aß?

Koch
Aber mich ließ er kochen
Nach Herzenslust. Ich dank' es ihm.

Bäcker
Ich verstehe ihn, ich der Bäcker war.
Wie oft musste ich Kleie an den Teig rühren,
Der armen Kunden wegen. Dieser da
Durfte ein Künstler sein.

Koch
Durch ihn!
Im Triumph
Führte er mich hinter den Königen
Und erwies meiner Kunst Achtung.
Ich nenne ihn menschlich drum.

Sprecher des Totengerichts
Die Totenschöffen bedenken
Das Zeugnis des Kochs.

Stille.

Sprecher des Totengerichts
Und der Schöffe, der einst ein Bauer
Fragt was:

Bauer
Da ist auch einer, der einen Obstbaum trägt.

Kirschbaumträger
Das ist ein Kirschbaum. Den
Brachten wir von Asien. Im Triumphzug
Führten wir ihn mit. Und pflanzten ihn
Auf den Hängen des Appennin.

Bauer
Ach, du bist das, Lakalles, der ihn brachte?
Ich pflanzt' ihn auch einst, doch ich wusste nicht,
Dass er von dir stammt.

Sprecher des Totengerichts
Und freundlich lächelnd
Unterhält sich der Schöffe, der
Einst ein Bauer war
Nun mit dem Schatten, der einst ein
Felherr war
Über den Baum:

Bauer
Er ist sparsam mit Boden.

Lukullus
Doch den Wind verträgt er schlecht.

Bauer
Die roten Kirschen haben mehr Fleisch.

Lukullus
Und die schwarzen sind süßer.

Bauer
Ihr Freunde, dies von allem, was erobert
Durch blutigen Krieg verhassten Angedenken,
Nenn ich das Beste. Denn dies Stämmchen lebt.
Ein neues, freundliches, gesellt es sich
Dem Weinstock und dem fleißigen Beerenstrauch
Und wachsend mit den wachsenden Geschlechtern
Trägt's Frucht für sie. Und ich beglückwünsch dich,
Der's uns gebracht. Wenn alle Siegesbeute
Der beiden Asien längst schon vermodert ist,
Wird jedes Jahr auf's neue den Lebenden
Dann diese kleinste deiner Trophäen noch
Im Frühling mit den blütenweißen
Zweigen im Wind von den Hügeln flattern.

14 Das Urteil

Sprecher des Totengerichts
Und auf springt die Schöffin, einst Fischweib am Markte.

Fischweib
Fandet ihr also
Doch noch einen Pfennig in den
Blutigen Händen? Besticht auch der Räuber
Das Gericht mit der Beute?

Lehrer
Ein Kirschbaum! Die Eroberung
Hätte er machen können mit
Nur einem Mann! Aber 80'000
Schickte er hier herunter!

Bäcker
Wieviel
Sollen sie bezahlen oben
Für ein Glas voll Wein und einen Wecken?

Kurtisane
Sollen sie ewig, bei einer Frau zu liegen, die Haut
Zu Markte tragen müssen? Ins Nichts mit ihm!

Fischweib
Ah ja, ins Nichts mit ihm!

Lehrer
Ah ja, ins Nichts mit ihm!

Bäcker
Ah ja, ins Nichts mit ihm!

Sprecher des Totengerichts
Und sie sehen auf den Bauern,
Den Lober des Kirschbaums.
Bauer, was sagst du?

Stille.

Bauer
80'000 für einen Kirschbaum!
Ah ja, ins Nichts mit ihm!

Totenrichter
Ah ja, ins Nichts mit ihm! Denn
Immer mit all der Gewalt und Eroberung
Wächst nur ein Reich an:
Das Reich der Schatten.

Die Schöffen
Und voll schon
Ist unser graues Unten mit
Halbgelebten Leben. Hier doch
Haben wir keine Pflüge den nervigen Armen, noch
Hungrige Münder, deren ihr
Oben so viele habt! Was als Staub
Könnten wir häufen auf die
80'000 Dahingeschlachteten! Und ihr
Oben braucht Häuser! Wie oft noch
Sollen wir ihnen begegnen auf unser'n
Nirgendhin führenden Pfaden und ihre eifrigen
Furchtbaren Fragen hören, wie
Der Sommer der Jahre aussieht und der Herbst
Und der Winter?

Sprecher des Totengerichts
Und es rühren sich und schreien
Die Legionäre auf dem Totenfries:

Legionäre
Ah ja, ins Nichts mit ihm! Welche Provinz
Wiegt uns die nichtgelebten
Vielbergenden Jahre auf?

Sprecher des Totengerichts
Und es rühren sich und schreien
Die Sklaven, die Friesschlepper:

Sklaven
Ah ja, ins Nichts mit ihm! Wie lange noch
Sitzen sie, er und die Seinen,
Unmenschliche, über den Menschen und heben
Die faulen Hände und werfen in blutigen
Kriegen die Völker gegeneinander?
Wie lange noch
Dulden wir und dulden die Unser'n sie?

Alle
Ah ja, ins Nichts mit ihm und ins Nichts mit
Allen wie er!

Sprecher des Totengerichts
Und vom hohen Gestühle erheben sich
Die Fürsprecher der Nachwelt.
Der mit den vielen Händen, zu nehmen,
Der mit den vielen Mündern, zu essen,
Der eifrig sammelnden
Gern lebenden Nachwelt.